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Die Rüstung, die nicht passt


Wenn wir geboren werden, haben wir keine Ahnung davon, wer wir sind, oder wer wir sein werden.

Wir sind Unschuldige Seelen, haben keine Erwartungen und keine Vorstellungen an das Leben. Es reicht uns, wenn wir satt sind und es warm haben.

Doch das ändert sich im Laufe der Jahre, sobald wir uns unser Selbst bewusst werden. Wir erleben Menschen im Umgang miteinander, werden berieselt von TV und Medien. Mutter und Vater machen uns vor, wie das Leben funktioniert.

Naja, wie es ihrer Meinung nach funktionieren sollte. Das gelingt den Einen besser, den Anderen schlechter. Doch jeder ist der Meinung, dass seine Weltanschauung, sein Umgang mit anderen Menschen und Lebewesen der einzig richtige ist.

Also beginnen wir uns anzupassen, Gestalt anzunehmen und unseren Charakter zu formen ganz nach dem Vorbild derer, die uns umgeben und uns unverhohlen mitteilen, wie wir uns korrekt zu verhalten haben.

Das Leben

Wir werden älter und reifer, wir erleben und fühlen die Welt in die wir geboren wurden. Wir lernen andere Mitmenschen kennen. Zuerst im Kindergarten, dann in der Schule und im Job. Wir erleben, dass es noch andere Weltanschauungen gibt als jene, welche wir mit auf den Weg bekamen. Wir erleben, dass Menschen wegen kontroverser Ansichten aneinander geraten und fühlen uns mitunter deplatziert. Vielleicht passiert es auch, dass man selbst als Querkopf abgestempelt und von anderen ausgegrenzt wird, weil der eigene Charakter und die eigenen Ansichten so gar nicht in diese Gesellschaft passen.

Denn wie kann man sich trauen in einer Welt der Lemminge eine eigene Meinung und Ideale zu vertreten?

Die Lemminge

Willkommen im Einheitsbrei!

Hier darfst Du alles, jedoch keine eigene Ansicht vertreten, denn das hätte fatale Folgen. Im Job bedeutet es meist nichts anderes, als der/die unbeliebteste Kollege/in zu sein und unter Umständen direkt auf der "Abschussliste" zu stehen. In der Familie führt es zu Streit und im Freundeskreis ggf. zu Distanz und/oder scharfer Kritik.

Wir können ja gerne eine Meinung haben, solange sie sich mit der Mehrheit deckt, oder wenigstes nicht allzu stark abweicht. Wir dürfen auch kritisieren, solange die Kritik sich im Rahmen des "das ist nur Gemecker" bewegt. Jedoch darf die Kritik nicht zu scharf, oder gar begründet sein! Das würde wahrscheinlich o.g. Probleme nach sich ziehen.

Doch woher wissen wir denn, welche Meinung die richtige ist? Das ist gar nicht so schwer....Du musst nur den Lemmingen lauschen...

Anders sein

Spätestens als Erwachsener jedoch fällt es uns oft nicht mehr so leicht und anzupassen. Wir entwickeln ein gewisses Selbstbewusstsein und unsere Erfahrungen haben uns in den letzen Jahren doch sehr geprägt. Unter Umständen merken wir schon, dass irgendwas mit uns vermeintlich nicht stimmt, weil wir es im Leben immer recht schwer haben.

Wir zählten nie zu den Beliebtesten und im Job hatten wir oft das Gefühl, man wäre froh uns los zu sein. Nun ja, das könnte vielleicht daran liegen, dass wir angefangen haben uns selbst zu formen, statt uns in eine Rüstung zwängen zu lassen, die uns gar nicht passt. Immerhin gilt es im Leben viele Schlachten zu schlagen und da wünscht man sich doch eine Rüstung, die sich wie eine zweite Haut tragen lässt. Eine, welche auf den Leib geschneidert zu sein scheint.

 

Unsere Eltern zeigen uns schon früh, wie man sich zu benehmen hat. Wie man artig "bitte" und "danke" sagt, dass man gehorsam auf seine Lehrer und seine Vorgesetzten zu hören hat. Dass man dies und jenes nicht anzieht und schon gar nicht diese und jene Dinge laut ausspricht. Dass man seine Familie zu lieben hat und wer am besten zu uns passt.

Kurzum, andere wissen am besten, wie es geht, so zumindest die allgemeine Ansicht der Gesellschaft.

Doch wo ist denn da noch Platz für unsere eigene Entwicklung? Wo der Raum für eine Entfaltung all der Facetten unserer Persönlichkeit?

Es kann vorkommen, dass wir feststellen, dass die Liebe zu anderen Menschen größer ist, als die zu unserer Familie. Es kann sein, dass wir feststellen, dass uns der Kontakt zu Menschen absolut missfällt und wir uns als Einzelgänger entpuppen.

Oftmals stellen wir uns irgendwann im Laufe des Lebens einmal die Frage: "Wer bin ich, und was mache ich hier eigentlich?" Ich denke, dass ist der Moment, in dem wir beginnen zu begreifen, dass wir mit der falschen Ausrüstung in den Kampf des Lebens geschickt wurden und nun an unsere Grenzen stoßen.

Wir stellen in Frage, was man uns über das Leben und die zu schlagenden Schlachten erzählte. Wir beginnen zu hinterfragen... Wir beginnen selbst zu denken!

 

Trauen wir uns jedoch anders zu sein, dann hat die Gesellschaft für uns reichlich Schubladen parat. Keine Sorge, da findet sich in jedem Fall für jeden Querdenker das richtige!

 

Setzen wir uns zum Beispiel gerne für Andere ein, unterstützen die vegane Bewegung oder Ähnliches, dann sind wir willkommen in der Schublade "Gutmensch".

 

Sind wir jedoch grüblerisch und weltkritisch, so lässt man sich sehr schön in der Schublade der "Depressiven" unterbringen.

 

Wer positiv an das Leben und die vielen Herausforderungen herangeht darf es sich ind er Schublade "Hoffnungsloser und nerviger Optimist" heimelig machen.

 

Und so ließe sich diese Liste noch weiterführen.

Wer da kein starkes und gesundes Selbstbewusstsein hat und solche Kategorisierungen an sich abprallen lässt, der geht schnell unter!

Wir leben leider in einer Welt, in der gegenseitige Unterstützung und Bestärkung, sowie wirkliche Tolleranz vom Aussterben bedroht sind. Wo Menschen, die gutes bewirken wollen auf Ablehnung stoßen und jene am meisten erreichen, die es verstehen, sich zu verstellen und anderen in den Rücken zu fallen. Neid und Missgunst regieren vor Vernunft und Selbstreflektion!

Anstatt voneinander durch unsere Einzigartigkeit zu lernen, nutzen wir jede Gelegenheit um das Gegenüber zu zerschmettern.

Es ist eine Welt, in der Andersartige nur überleben können, wenn sie in der Lage sind, sich eine Rüstung zu schmieden, die ihnen wirklich passt. Eine Rüstung, mit der sie aus eigener Kraft wieder aufstehen können, wenn sie mal am Boden liegen, denn auf Unterstützung können sie nicht zwingend setzen.

Anders zu sein erfordert Stärke und Mut und es kostet mehr Kraft, als sich mit einer falschen Maske durchs Leben zu mogeln. Dennoch ist es ein guter Weg und ohne solche Menschen würde die Gesellschaft emotional verhungern!


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